Viele neurodivergente Menschen, einschliesslich denen mit ADHS oder Autismus, wachsen mit einem leisen, beständigen Gefühl auf: missverstanden zu werden.
Nicht auf dramatische Weise, sondern in kleinen, wiederkehrenden Momenten, wenn man hört, man sei zu sensibel, zu emotional, zu intensiv, zu ruhig, zu direkt, zu abgelenkt oder zu kompliziert. Man versucht zu erklären, was innerlich passiert, nur um festzustellen, dass andere etwas völlig anderes sehen.
Mit der Zeit können diese wiederholten Missverständnisse Verwirrung und Selbstzweifel erzeugen. Man beginnt, die eigenen Wahrnehmungen, Reaktionen und sogar Bedürfnisse zu hinterfragen. Man passt sich an, erklärt sich, versucht dazuzugehören, in der Hoffnung, dass irgendwann jemand einen wirklich versteht.
Unterschiedliche Arten, die Welt zu erleben
Menschen mit ADHS, Autismus oder anderen neurodivergenten Merkmalen verarbeiten die Welt oft anders. Kommunikation kann direkter oder reflektierter sein. Sinnesreize können überwältigend oder erschöpfend wirken. Emotionale Erfahrungen können intensiver sein, soziale Situationen erfordern bewusste Anstrengung und Energie.
Diese Unterschiede sind keine Defizite, sie sind einfach alternative Wege zu denken, zu fühlen und zu interagieren. Doch die Welt um uns herum, Schulen, Arbeitsplätze, Gesundheitssysteme und soziale Strukturen, ist meist auf neurotypische Normen ausgerichtet. Unterschiede werden oft als Probleme interpretiert, statt als gültige Variationen in Wahrnehmung und Verarbeitung.
Das Double-Empathy-Problem
Ein zentrales Konzept, um Missverständnisse zu verstehen, ist das Double-Empathy-Problem, erstmals beschrieben von Dr. Damian Milton. Missverständnisse sind nicht einseitig. Menschen mit Autismus oder anderen neurodivergenten Merkmalen haben nicht „zu wenig Empathie“; vielmehr können Unterschiede in Wahrnehmung, Kommunikation und Erwartungen zwischen neurodivergenten und neurotypischen Menschen eine gegenseitige Verständigungslücke erzeugen.
Wenn jede Seite das Verhalten der anderen durch ihre eigene Brille interpretiert, sind Missverständnisse fast unvermeidlich. Diese Erkenntnis verschiebt den Fokus von angeblichen Defiziten hin zu echten Unterschieden in der Art und Weise, wie Menschen die Welt erleben.
Wenn Missverständnisse eskalieren
Wiederholte Missverständnisse können verletzend werden. Kommentare wie:
„Du überreagierst.“
„Du bist zu emotional.“
„Du musst dich einfach mehr anstrengen.“
Auch wenn sie unbeabsichtigt sind, erzeugen solche Interaktionen Selbstzweifel und untergraben das Vertrauen in die eigene Erfahrung.
Medizinisches und professionelles Gaslighting
Eine der schmerzhaftesten Formen tritt im medizinischen oder professionellen Umfeld auf. Neurodivergente Erwachsene suchen oft Unterstützung, nur um zu erleben, dass ihre Erfahrungen verharmlost oder falsch interpretiert werden. Symptome werden möglicherweise ausschliesslich Stress, Angst oder Persönlichkeit zugeschrieben, während zugrunde liegende neurodivergente Merkmale unentdeckt bleiben.
Emotionale Auswirkungen und Regulation
Das Leben mit häufigen Missverständnissen beeinflusst Identität, Selbstvertrauen und emotionale Regulation. Viele entwickeln Bewältigungsstrategien wie Maskieren, Übererklären oder Unterdrücken eigener Bedürfnisse. Andere überfordern sich, um Erwartungen zu erfüllen. Diese ständige Anpassung kann zu Angst, emotionaler Erschöpfung und einem Gefühl der Unsichtbarkeit führen.
Für Menschen mit ADHS, Autismus oder AuDHS kann das Regulieren von Emotionen in Umgebungen, die nicht zu ihren Bedürfnissen passen, enorme Energie kosten.
Das Verständnis dieser Muster als natürliche Reaktionen, statt als persönliche Schwächen, ist ein entscheidender Schritt, um Selbstvertrauen zurückzugewinnen.
Auf dem Weg zu gegenseitigem Verständnis
Bewusstsein für unterschiedliche Kommunikationsstile, sensorische Bedürfnisse und emotionale Verarbeitung hilft, Umgebungen zu schaffen, die sowohl neurodivergente als auch neurotypische Menschen unterstützen. Missverständnisse entstehen selten durch Fehlverhalten, sie spiegeln oft eine Diskrepanz in der Wahrnehmung wider.
Dieses Verständnis ermöglicht es neurodivergenten Menschen, Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen wieder aufzubauen. Missverstanden zu werden bedeutet nicht, dass man falsch liegt; es bedeutet oft einfach, dass die Welt noch nicht angepasst ist, um einen vollständig zu sehen.
Wenn Kontext, Kommunikation und Unterstützung aufeinander abgestimmt sind, wird gegenseitiges Verständnis möglich.
Chantal