Für viele autistische und ADHS – Erwachsene beginnt Masking schon sehr früh, oft lange bevor wir die Sprache haben, um zu beschreiben, was wir da eigentlich tun. Es beginnt als Überlebensstrategie: andere genau beobachten, kopieren, was als „normal“ gilt, Reaktionen anpassen, Bedürfnisse herunterspielen, Unbehagen verstecken, soziale Skripte einüben und all die Teile von uns unterdrücken, die für die Welt „zu viel“ erscheinen.

Masking bedeutet nicht, dass man lügt.
Es bedeutet, sich zu schützen, in einer Umgebung, die noch nicht gelernt hat, dich wirklich zu sehen.

Auch wenn Masking hilft, durch den Alltag zu kommen, hat es einen Preis, einen, den viele neurodivergente Menschen erst Jahre später erkennen.

Was Masking wirklich ist

In der Forschung wird Masking oft in drei Bereiche aufgeteilt

  • Camouflaging (soziales Verhalten kopieren, um nicht aufzufallen)
  • Compensation (gelernte Strategien nutzen, um Schwierigkeiten auszugleichen)
  • Concealment (Merkmale verbergen, die missverstanden werden könnten, etwa Stimming oder sensorische Überforderung).

Aber die gelebte Realität ist viel menschlicher.

Masking bedeutet, mitzulachen, obwohl man den Witz nicht verstanden hat.
Blickkontakt zu erzwingen, der sich schmerzhaft anfühlt.
Stims zu unterdrücken, obwohl der Körper dringend Bewegung bräuchte.
Trotz sensorischem Stress zu lächeln.
„Einfach“ zu wirken, obwohl die eigenen Bedürfnisse nicht erfüllt sind.
Zu erstarren, statt um Hilfe zu bitten.
Eine Version von sich selbst zu spielen, die sicherer wirkt als die echte.

Masking ist ständige Selbst-Zensur, oft völlig unbewusst.

Warum neurodivergente Menschen so viel maskieren

Die meisten beginnen nicht zu maskieren, weil sie unbedingt dazugehören wollen.
Sie maskieren, weil sie gelernt habe, dass Auffallen nicht sicher ist.

Viele neurodivergente Kinder hören dieselben Botschaften wieder und wieder:

„Sei nicht so empfindlich.“
„Übertreib nicht.“
„Warum kannst du dich nicht einfach konzentrieren?“
„Mach dich nicht komisch.“
„Streng dich mehr an.“

Diese Sätze brennen sich ins Nervensystem ein.
Sie vermitteln: Akzeptanz ist an Bedingungen geknüpft.
So zu sein, wie man ist, kann Ablehnung bedeuten.
Unterstützung zu brauchen, könnte als „schwierig“ gelten.
Masking wird ein automatischer Schutzmechanismus, lange vor dem Erwachsensein.
Es ist die sicherste Strategie, bis sie es irgendwann nicht mehr ist.

Der emotionale und körperliche Preis

Langfristiges Masking wird immer wieder in Verbindung gebracht mit autistischem Burnout chronischer Erschöpfung, Angst, Depression, Identitätsverwirrung, geringem Selbstwert, Schwierigkeiten, eigene Bedürfnisse zu spüren, und verpassten Diagnosen.

Emotional kann Masking sich anfühlen, als würde man Stück für Stück verschwinden, bis die Welt nur noch eine Version von dir kennt, die gar nicht du bist.

Viele neurodivergente Erwachsene erreichen irgendwann einen Punkt, an dem das Masking nicht mehr haltbar ist. Für manche passiert das durch eine große Lebensveränderung, Elternschaft, Burnout, Arbeitsstress, Trauma. Für andere ist es einfach die Erschöpfung des ständigen „schauspielens“.

Und genau dort beginnt Unmasking (Entmaskieren).

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Unmasking ist keine Persönlichkeitsänderung, sondern eine Rückkehr zu sich selbst

Unmasking bedeutet nicht, alle Strategien zu verwerfen oder sich nie wieder anzupassen.
Es bedeutet zu erkennen, welche Verhaltensweisen dir dienen und welche dich leise auslöschen.

Es bedeutet, sensorische Bedürfnisse ernst zu nehmen.
Die eigene Kommunikationsweise ohne Scham zu akzeptieren.
Grenzen zu setzen.
Zu stimmen, ohne sich zu entschuldigen.
„Das ist mir zu viel“ zu sagen, bevor du zusammenbrichst.
Umgebungen und Beziehungen zu wählen, in denen Authentizität sicher ist.

Unmasking ist langsam, vielschichtig und sehr persönlich.
Es ist kein Werdenm, es ist ein Zurückkommen.

Wie Masking im Alltag aussieht

Masking zeigt sich in kleinen, alltäglichen Momenten.
Du versteckst Überforderung.
Du wirkst ruhig, obwohl dein Inneres brennt.
Du imitierst Gefühle, die du nicht spürst.
Du drückst dich durch sensorische Überlastung hindurch.
Du spiegelst andere, um Konflikte zu vermeiden.
Du machst dich klein, um „einfacher“ zu sein.

Viele neurodivergente Erwachsene erkennen irgendwann eine Wahrheit, die weh tut und gleichzeitig befreit:

„Ich habe mein Leben lang eine Version von mir gezeigt, die für andere leichter war.“

Diese Erkenntnis wird zum Anfang von Veränderung.

Warum Unmasking wichtig ist

Unmasking bringt mehr Energie, weil die permanente Selbst-Zensur wegfällt.
Mehr Klarheit, weil deine Bedürfnisse sichtbar werden.
Mehr Wahrheit, weil du dir selbst vertraust.
Mehr Verbindung, weil Beziehungen echt statt gespielt sind.
Mehr Sicherheit, weil dein Nervensystem endlich ausatmen darf.

Masking hat dich geschützt, als du es brauchtest.
Unmasking lässt dich leben.

Du darfst, vollkommen und ohne Entschuldigung, ein Leben aufbauen, in dem du dich nicht kleiner machen musst, um akzeptiert zu werden.

Ein persönliches Wort

Als jemand, der sowohl autistisch ist als auch ADHS hat, war Unmasking einer der transformativsten und gleichzeitig herausforderndsten Wege meines Lebens. Ich habe erst im Burnout begriffen, wie gross die Lücke zwischen meinem echten Selbst und der Version war, die die Welt erwartet hat. Unmasking bedeutet für mich langsamer zu werden, sensorische Grenzen zu respektieren, Leistungsdruck loszulassen und Beziehungen zu wählen, in denen mein echtes Selbst willkommen ist.

Ich lerne immer noch, verlerne immer noch, lege Schicht um Schicht von jahrelanger Anpassung ab, aber jeder Schritt fühlt sich an wie ein tieferer Atemzug.

Unmasking ist kein einzelner Moment.
Es ist eine lebenslange Erlaubnis, du selbst zu sein.

Chantal