Wenn du mit ADHS lebst, hast du wahrscheinlich schon oft gehört, was angeblich nicht stimmt mit dir: zu abgelenkt, zu unorganisiert, zu impulsiv. Und wenn du gerade erst die Diagnose bekommen hast, versuchst du vielleicht, einen Namen zu verstehen, der gar nicht zu deinem Denken passt.

Seien wir ehrlich, der Begriff „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung“ ist irreführend. Er vermittelt das Bild von Chaos, von einem kaputten Gehirn. Aber das ist nicht die ganze Geschichte. Es ist nicht einmal die richtige Geschichte.

Der Name ist das Problem

Schauen wir uns das mal genauer an:

  • „Aufmerksamkeitsdefizit“ klingt so, als hätten wir zu wenig Aufmerksamkeit. Aber das stimmt nicht. Menschen mit ADHS können sich sehr vertieft und anhaltend konzentrieren , nur nicht immer dort oder dann, wenn andere es erwarten.
  • „Hyperaktivität“ trifft nicht auf alle zu. Viele von uns sind geistig überaktiv, nicht körperlich ständig in Bewegung.
  • Und „Störung“? Allein dieses Wort kann schwer auf uns lasten. Es stellt einen Mangel in den Mittelpunkt, statt eine andere Art zu sein anzuerkennen.

Tatsächlich geht es bei ADHS nicht um zu wenig Aufmerksamkeit. Es geht um Aufmerksamkeit, die unregelmässig, interessengetrieben und oft sehr intensiv ist. Wie ein Scheinwerfer, der zwischen Bühnen hin und her springt, oder ein Feuerwehrschlauch, den wir nicht immer steuern können.

Deshalb liebe ich einen Begriff aus der Māori-Kultur:
„Aroreretini“ – was bedeutet: „die Aufmerksamkeit geht in viele Richtungen.“
Es ist eine so sanfte, respektvolle Beschreibung der ADHS-Erfahrung. Sie macht nichts krankhaft, sie beschämt nicht , sie beobachtet einfach, wie unsere Aufmerksamkeit funktioniert.

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Wie sich ADHS wirklich anfühlt

Mit ADHS zu leben bedeutet, ein Gehirn zu navigieren, das ständig lebendig ist, voller Ideen, Gefühle und Verbindungen.
Es bedeutet:

  • sich in einer Aufgabe komplett zu verlieren und alles andere zu vergessen
  • alles sehr intensiv zu fühlen: Freude, Frust, Begeisterung, Ablehnung
  • schneller zwischen Ideen zu springen, als man sie fassen kann
  • mit Struktur zu kämpfen, aber in Kreativität aufzublühen

Es ist nicht leicht, aber auch nicht kaputt. Es ist einfach anders.

Unsere Stärken verdienen Sichtbarkeit

Menschen mit ADHS sind oft unglaublich kreativ, intuitiv, leidenschaftlich und empathisch. Wir erkennen Muster, die anderen entgehen. Wir fühlen intensiv. Wir finden Lösungen auf unerwartete Weise. Wir haben unser Leben lang gelernt, uns anzupassen, das macht uns widerstandsfähig, auch wenn es sich nicht immer so anfühlt.

Doch diese Stärken bleiben oft unsichtbar, weil wir ständig an Massstäben gemessen werden, für die wir nie gemacht waren.
Was wäre, wenn wir aufhören würden, ADHS nur durch die Brille von „Fehlfunktion“ zu betrachten?
Was wäre, wenn wir es so sehen würden, wie es ist: eine andere Art, die Welt zu erleben, mit Herausforderungen und mit unglaublichem Potenzial?

Sprache verändert alles

Namen sind wichtig. Bezeichnungen beeinflussen, wie andere uns sehen – und wie wir uns selbst sehen. Wenn die medizinische Sprache nur auf das Schwierige oder „Falsche“ fokussiert, wird es schwieriger, das zu erkennen, was gut funktioniert und stark ist.

Ich sage nicht, wir sollten so tun, als gäbe es bei ADHS keine Schwierigkeiten. Die gibt es. Aber das ganze Bild zeigt mehr als nur den Kampf. Es zeigt Wachstum. Erkenntnis. Leidenschaft. Durchhaltevermögen. Und ja, Aufmerksamkeit, die vielleicht nicht den Regeln folgt, aber auf ihre eigene Art kraftvoll ist.

Daran ist nichts mangelhaft.

Chantal